Das Ding mit den drei F
Funktion, Form und Farbe sind Größen, die in jedem Bild eine Rolle spielen. Wie sie miteinander zusammenhängen und warum sie sich ergänzen statt gegenseitig stören sollten, analysiert Uli Staiger.
Eigentlich kann man beim Thema Bildcomposing keine Fehler machen. Die Tatsache, dass sich einzelne Bilddateien zu einem großen Ganzen zusammenfügen lassen, berechtigt das Ergebnis die Bezeichnung Composing zu tragen. Gewisse Regeln, beispielsweise aus dem Bereich der Optik oder der Gestaltungslehre spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle und führen, je nach Wissensstand des Composers, zu mehr oder minder akzeptablen Ergebnissen. So gesehen stellt sich die Beobachtung, dass manches “gelingt” und anderes “einfach nicht so wird wie man dachte” als eine Art Naturgesetz dar, denn leider sieht man meist erst gegen Ende der Arbeit, ob man fürs Kunstmuseum oder den kleinen Abfalleimer auf dem Desktop produziert hat.
Zeit also, das Bild auf den Seziertisch zu legen und zu untersuchen, welche Faktoren bildbestimmend sind und wie sie einander beeinflussen. Die so gewonnene Erkenntnis könnte dann durchaus bei der Auswahl der Bilder für das nächste Composing zum Tragen kommen und das Ergebnis entscheidend verbessern.
Ein gutes Composing ist wie ein Spielzeug; man möchte es nicht nur ansehen, sondern auch benutzen können, es sollte also eine Funktion offenbaren oder eine Geschichte erzählen, am besten beides. Anders ausgedrückt: Da muss was los sein. Allein die Beachtung dieses ersten der drei F sorgt dafür, dass sich die dargestellten Objekte gedanklich miteinander in Verbindung bringen lassen und verhindert Kombinationen von Dingen, die den Betrachter planmäßig in eine geistige Sackgasse rennen lassen wie beispielsweise Hunde, die auf einer Wolke stehen oder brennende Blumen, die bar jeglicher Reflexion über dem Wasser schweben.
Die Form unterstützt die Funktion im besten Falle perfekt und transportiert so den Bildinhalt auf direktem Wege ins Unterbewusstsein des Betrachters. Sie sorgt dafür, dass die Linien im Bild harmonisch verlaufen, die Perspektive stimmt und der Vordergrund eine logische Verbindung mit dem Hintergrund eingeht. Sie bestimmt mehr als die Funktion noch, ob wir ein Bild als beruhigend, chaotisch, harmonisch oder unausgewogen empfinden.
Die dritte, Funktion und Form unterstützende Größe ist die Farbe. Auch sie steuert das Unterbewusstsein, jedoch ist die Interpretation maßgeblich von der Form abhängig, mit der sie in Verbindung gebracht wird: Derselbe Rotton, der einem Bild kuschelige Geborgenheit verleiht, kann in anderem Zusammenhang als bedrohlich und aggressiv wahrgenommen werden.
Der Rest ist Photoshop. Die Feinabstimmung für Schatten, Aufhellung, Farbtemperatur und alles andere, was das Bild lebendig macht und die einzelnen Bildelemente miteinander verbindet, ist die eigentliche Arbeit dessen, was man allgemein unter dem Begriff Composing versteht. Allerdings wirkt das Ergebnis überzeugender, wenn man sich nicht nur mit Formebenen und Paletten beschäftigt, sondern zuvor mit dem gedanklichen und gestalterischen Konzept von Funktion, Form und Farbe auseinandersetzt.
Eigentlich schade, dass man Photoshop nicht mit F schreibt, sonst wären es vier F anstatt nur drei.
Funktion
Auf den ersten Blick haben das Berliner Olympiastadion und das Forschungsschiff Cap San Diego recht wenig Gemeinsamkeiten. Also muss ein gemeinsamer Nenner gefunden werden, der beides miteinander verbindet: Eine Wasserfläche macht das Stadion zum Hafen; lässt man die große Freitreppe im Hintergrund verschwinden und rückt den linken Teil des Stadions noch weiter nach links, dann rechtfertigt das nun sichtbare Meer die Anwesenheit des Ozeanriesen. Über den einfachen Kunstgriff der eingefügten Wasserfläche werden Schiff und Stadion zueinander in Beziehung gesetzt und funktional verbunden.
Da Brennweiten und Bildgrößen der beiden Dateien zueinander passen, kann das Schiff in das Stadionbild integriert werden. Im Bild sind bisher nur die wichtigsten Linien erkennbar. Man sieht, dass der großzügige, sich im unteren Bildteil wiederholende Schwung des Stadiondaches gut zu den majestätischen Formen des Schiffsrumpfes passt. Die Ruhe und Ausgeglichenheit wird von den Formen beider Bildkomponenten transportiert und durch den ruhigen, waagerechten Horizont unterstützt. Auch die Ecken und Kanten des Glasdachs finden ein Gegenüber in den Aufbauten des Schiffes. Die sich gegenseitig ergänzenden Formen verschmelzen zu einer Einheit.
Die Details der Form legen zwei Dinge fest, die bisher nur ungefähr bestimmt werden konnten: Erstens wird klar, wo genau das Schiff sich befinden muss; zu weit oben oder unten positioniert stellt die Größenverhältnisse auf den Kopf, zu weit links oder rechts passt perspektivisch nicht ins Konzept und verdeckt womöglich den Blick aufs offene Meer. Zweitens muss die Größe angepasst werden. Stellt man sich einen Matrosen vor, der am Bug über Bord springt, so müsste er sich als Mensch von normaler Größe an nächstgelegener Stelle an Land retten können und dabei werde als Riese noch als Zwerg ankommen.
Wir fassen zusammen: Es ist ein ausgeglichenes Motiv, bedingt durch die geschwungenen Linien des Stadions und die majestätisch aufragende Gestalt des Schiffsrumpfes. Die mystische Stimmung der surreal wirkenden Szene strahlt eine kühle Ruhe aus, so dass sich unaufdringliche, kühle Farben anbieten. Damit das Wasser transparent wirkt, sollte es blauer sein als die Architektur des Stadions, der Himmel muss das Bild nach oben öffnen, darf also nicht bleischwer auf das Motiv drücken. Damit dieses aber nicht in der Monochromie versinkt, werden die rot lackierten Teile des Schiffes übernommen.
Im Vergleich mit der oberen Darstellung wird klar, was neben der Platzierung und Skalierung der Einzelkomponenten noch an Arbeit anfällt: Neben der Anpassung der Farben von Stadion, Schiff, Himmel und Wasser müssen der Schatten des Schiffes und die Spiegelung des Stadions eingebaut werden. Der Himmel muss am unteren Ende heller werden, ebenso der Horizont, außerdem sorgt ein Abdunkeln des Vordergrundes für mehr Tiefe im Bild. Dezente, kaum sichtbare Nebelschleier über der Wasseroberfläche im Stadion unterstützen die kühle Mystik des Motivs.
Der Moment der Wahrheit ist da, die Einzelkomponenten sind eingebaut. Mal ehrlich, würden Sie dem Bild in diesem Zustand ansehen, ob die unkohärenten, trotz sauberer Auswahl wie mit der Laubsäge ausgesägt wirkenden Bilder jemals ein Gesamtmotiv bilden, zu einer Einheit verschmelzen könnten? Klar sehen Sie’s, denn Sie haben in den Schritten zuvor eine Funktion der Bildteile festgelegt, Sie wissen, dass die Formen zueinander passen und haben eine Farbpalette entworfen, die der dargestellten Situation angemessen ist. Ohne diese geistige Vorarbeit wäre Ihre Weitsicht womöglich getrübt und Sie hätten keine Ahnung, wie nah Sie dem Ziel bereits sind.
Photoshop 2
Die Farben wurden adaptiert, Schatten, Spiegelungen und Nebel eingebaut. Die Anpassung der Einzelbilder aneinander konnte mit einem Minimum an Aufwand erledigt werden. Glücklicherweise, denn die Schiffsaufbauten mit all dem Tauwerk freizustellen, wäre sicherlich kein Spaß geworden. So aber konnte der Wolkenhimmel hinter dem Schiff einfach per Farb- und Kontrastanpassung über eine Ebenenmaske in den Himmel über dem Stadion integriert werden.
Hier gibt’s einen Trailer zum neuen Video-Training von Uli Staiger:
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Tags: 3D, Composing, Fotografie, Messe, Photoshop, Uli Staiger, YouTube












Am 20. März 2008 um 10:39 Uhr
Wow, gute Idee und super Umsetzung. Mal wieder ist Ihnen ein gutes Bild gelungen
Aber es erinnert mich ein bisschen an das Bild, wo Manhattan unter Wasser ist… So von der Stimmung.
Am 20. März 2008 um 10:51 Uhr
wow, extrem beeindruckende bildbearbeitung. ich frage mich nur gerade, ob es nicht korrekterweise compositing heißen müsste..? wie auch immer, schöner artikel, danke und gruß aus hamburg!